Christine Schirrmacher, Ursula Spuler-Stegemann:

Frauen und die Scharia

Die Menschenrechte im Islam

Was sagt das islamische Recht über die Frau – präzise wissenschaftliche Analyse einer benachteiligten Stellung!

Von Rabea Brok

Die Scharia ist allgemein als das islamische Recht bekannt. Doch nur die wenigsten wissen, dass die Scharia nicht wie das römische Recht – auf dem unsere europäische Gesetzgebung fußt – kodifiziert, sprich schriftlich festgehalten wurde. Stattdessen ist sie ein komplexes, interpretierbares System, das sich aus dem Koran, der Sunna (den Taten und Reden des Propheten Mohammed) sowie Auslegungen und Gutachten (Fatwas) von islamischen Rechtsgelehrten speist. Die Scharia reguliert alle Lebensbereiche der Muslime und soll so den Allgemeingeltungs-Anspruch des Islams im Alltag durchsetzten. Die beiden renommierten Islamwissenschaftlerinnen Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann haben in „Frauen und die Scharia“ die religiösen Vorschriften explizit auf ihre Bedeutung für Frauen untersucht.

Christine Schirrmacher beschreibt im ersten Teil des Buches eingehend die Theorie und die alltägliche Praxis der Anwendung der Scharia und des Koran. Neben den religiösen Begebenheiten geht sie auch auf die Macht der Kultur und der Tradition und deren Wechselspiel innerhalb der islamischen Gesellschaften ein. So können beispielsweise moderne, errungene Änderungen in der Gesetzgebung islamischer Länder aufgrund der vorherrschenden Tradition völlig wirkungslos bleiben. Das Buch ist mit zahlreichen Fallbeispielen ausgestattet, die koranischen Suren und deren Hintergrund werden besprochen.

Die Autorin erörtert Zitate und Aussagen von muslimischen Gelehrten zur Scharia-Gesetzgebung und schildert persönliche Beobachtungen in islamischen Ländern, um deutlich zu machen, dass bestimmte Erscheinungen im Islam nicht von der Hand zu weisen sind. Da wäre vor allem das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen den Geschlechtern zu Ungunsten der Frau hinsichtlich Ehe-, Scheidungs-, Familienrecht. Auch fällt es Frauen schwerer, innerhalb einer islamisch geprägten und patriarchalisch orientierten Stammes-Gesellschaft Unterstützung zu finden. Frauen haben in der Familie einen geringeren Status, so dass ihnen oft sogar ihre von der Scharia verbrieften Rechte vorenthalten werden. Hier macht das Buch besonders deutlich, in welchem Umfang der islamische Glauben den Alltag eines muslimischen Menschen beeinflusst, indem er alles bis in die Privatsphäre bestimmt und wenig Freiraum für individuelle Lebensweisen lässt.

Nachdem der Leser das notwendige Handwerkzeug bekommen hat, um die Sichtweisen des Islams und seiner Gesetzgebung bzw. Anwendung zu verstehen, ist der Bezug von Ursula Spuler-Stegemann im zweiten Teil eher analytischer Natur. Was bedeutet Scharia für unsere moderne Gesellschaft und wie verhält es sich innerhalb dieser mit aktuellen und eher sozialen Themen wie Adoption, Behinderung, Abtreibung oder künstlicher Befruchtung? Gibt es Möglichkeiten, wie wir damit umgehen können? Natürlich bleiben viele Fragen offen, was auch so gewollt ist. Schließlich soll das Buch zur Diskussion anregen.

Durch den universitären Hintergrund bedingt, nähern sich die beiden Autorinnen über eine analytische und beschreibende, aber nicht verurteilende Herangehensweise der vielschichtigen und schwierigen Thematik. Dabei ist das Buch gut zu lesen, leicht zu verstehen und nachzuvollziehen. Trotz der neutralen und dokumentatorischen Art des Buches ist das Thema sehr aufwühlend und die zahlreichen aufgeführten Beispiele aus den islamischen Ländern bewegen zutiefst. Jeglicher Populismus oder verurteilende Worte wären hier überflüssig.

Dem angemessen, vermeiden die beiden Autorinnen verallgemeinernde Einschätzungen und bis auf wenige Punkte verschweigen sie ihre eigene Meinung. Stattdessen geben sie ein detailliertes Bild vom Status der Frau im Islam auf religiöser und kultureller Ebene. Die verschiedenen islamischen Schulen und Strömungen sowie deren Sichtweisen und deren Anwendung werden sehr genau unterschieden und auseinandergehalten. Dies macht das Buch neben den umfassenden Quellenhinweisen so reich und vielschichtig. Über das ausführliche Inhaltsverzeichnis lässt es sich auch nach der Lektüre immer wieder als Nachschlagewerk für Hintergrundinformationen und Argumente benutzen.

(Rezensiert am: 2008-10-23)


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Christine Schirrmacher, Ursula Spuler-Stegemann: Frauen und die Scharia. Die Menschenrechte im Islam, Diederichs Verlag, 2004, ISBN-13: 9783720525275, 19.95 €


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